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Die Stadt am Rosenstock

Die erste Anthologie der Hildesheimlichen Autoren.

25 Autoren auf 282 Seiten, mit zahlreichen Farbabbildungen.

Derzeit nur erhältlich als eBook, z. B. bei eBook.de,
Weltbild.de, Hugendubel.de oder mit etwas Glück bei eBay.

Nachfolgend finden Sie einige Auszüge aus dem Buch. Die Hildesheimlichen Autoren wünschen Ihnen viel Spaß beim Schmökern.

Aus dem Inhalt

Günter Stürmer Die Stadt am Rosenstock
Christian Engelken  Rosen-Hoffnung
  Gloria Dei
Peter Hereld  Eine Frage der Reinheit
Diana Krewald  Sternenfänger
  Vor ihren Augen
Karla Baier  Oh, pardon!
  Umzug
Heinrich L. Hillmann  Eine Intuition
Egbert Brandt  Die Begegnung
Elviera Kensche  Rosentrilogie
  Taubenbraten
  Die Mücke
Jonas-Philipp Dallmann  Modellbahn
Altje Hornburg  Die Essenden
Gaby Memenga  Die Kartoffel
Sonja Klima  Die Zeitspanne
Maria Marhauer  Der Literaturabend
Gabriele Arnicke  Verwandtschaft
  Heimweh
Renata Maßberg  Die Natur
  Wagnis
Bernward Schneider  Nosferatu kehrt zurück – Eine böse Geschichte
Dr. Jörg Hellmann  Die Abschlussfahrt der Golf-Damen
Heide Kloth  Der Küster und ich und Von Klöstern und Kirchen
Eckehard Haase  Die Macht des Schicksals
Marlene Wieland  Menschen im Hotel
Henning Reichrath  Bewerbung schreiben
  Hartz 5
Petra Hartmann  Das Mädchen mit den Zöpfen
Sabine Kosubek  Der Sprung

Günter Stürmer

Die Stadt am Rosenstock

Es ist das Jahr 2012, und ich erinnere mich plötzlich an einen Weg, den ich zum Hildesheimer Lyrik-Park mit Gleichgesinnten gegangen bin.

Ich erinnere mich an den letzten Weltkrieg und die Zerstörung von Hildesheim. Am 22. März 1945 warfen die Alliierten, schon auf dem Rückflug, über tausend Tonnen Bomben tagsüber auf Hildesheim ab. Dies hatte sicherlich keine strategische Bedeutung mehr; den Alliierten ging es höchstwahrscheinlich nur noch um Zerstörung.

Von meinem Wohnort in Wehrstedt aus erlebten mein Freund Herbert Kuhnle und ich die Zerstörung von Hildesheim mit. Ich war damals neun Jahre alt, und ein großer Aschenregen fiel auch auf unseren Ort herab, so dass auch wir spürten, etwas ganz Schlimmes ist passiert. Später erfuhren wir, dass tausende Menschen ums Leben gekommen und mehr als dreißigtausend obdachlos geworden waren. Die Straßen in Hildesheim waren schwarz, als die Menschen fast wahnsinnig durch sie irrten und verzweifelt nach einer Bleibe suchten.

Mein Freund Herbert und ich befassen uns jetzt erneut mit Hildesheim und haben in Erinnerung an diesen schrecklichen Tag vor zwei Jahren einen Kurzfilm gedreht, der sich sowohl der Zerstörung als auch dem Wiederaufbau von Hildesheim widmet. Der Titel des Films, der eine Silbermedaille auf Bundesebene gewann, hieß: »Leben am Rosenstock«.

Bei den Filmaufnahmen sprachen wir am Rosenstock mit dem Dompfarrer, der uns in bewegten Worten das Schicksal des tausendjährigen Rosenstocks schilderte. Beim Bombenangriff wurde der Dom völlig zerstört, und der Rosenstock verbrannte. Es war ein Glück, dass der Schutt den Wurzelstock bedeckte. Als man ihn beseitigte, gab es bald wieder erste Triebe, und schon 1945 auch die ersten Rosenblüten – zur Freude aller Hildesheimer, die dies als gutes Omen und große Hoffnung ansahen: »Die Rose blüht nun wieder, dann wird es auch wieder aufwärts gehen und es kommt wieder Leben in unsere Stadt.« Mit Hilfe der Trümmerfrauen wurde Hildesheim nach und nach wieder aufgebaut, darunter auch viele alte Baudenkmäler, unter ihnen das Knochenhaueramtshaus, das berühmteste Fachwerkhaus der Welt, wie der Architekt Heinz Geyer uns sagte.

Mein Freund Herbert Kuhnle hat diese Zeit als Malerlehrling auf dem Moritzberg miterlebt und erzählt noch heute gern, dass er damals für fünfzig Stunden in der Woche ganze sechs Mark verdient hat. In dieser Zeit lernte er auch die Hildesheimer Künstlerin Gertrud Küsthardt-Langenhan kennen, deren Reliefs in der Scheelenstraße 22, wo die Künstlerin damals wohnte, heute noch zu sehen sind. Die Rose spielt bei ihnen eine besondere Rolle. Auch ihr Relief an der Andreaskirche »Die Auferstehung« mit seinem besonderen Symbolcharakter dokumentiert den Wiederaufbau. Herbert Kuhnle, heute selbst ein talentierter Maler, hat bei dieser Künstlerin, die er abends immer nach Feierabend besuchte, viel über Malerei gelernt. Er sagt: »Frau Küsthardt-Langenhan hat mir in vielen Gesprächen die Augen geöffnet für das Gute und Schöne auf der Welt. Und immer, wenn ich aus meiner jetzigen Heimatstadt Fellbach in Hildesheim zu Gast war, habe ich sie besucht, um ihr Dankbarkeit zurückzugeben.«

Heute ruht die Künstlerin auf dem Zentralfriedhof. Als wir den Film über Hildesheim drehten, spielte auch Frau Küsthardt-Langenhan eine besondere Rolle darin. Und es war ein besonderer Augenblick für uns, als wir an ihrem Grab aus Dankbarkeit eine blühende Rose niederlegten.

© 2012 Günter Stürmer

Ende des Textauszuges – weiter geht’s im Buch.

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Christian Engelken

Rosen-Hoffnung

Der Rose Schönheit
widersteht,
so lese ich,
auch noch
den wahnsinnigsten
Züchtern.

Und
das mögen
viele sein …

Doch sind wir
ohne Hoffnung?
Nein.

Was Wissenschaft
und Forschung
nicht gelang,
wie oft
gelang es schon
den Dichtern!

Nach dem Ausspruch »Die Rose ist etwas so Schönes, dass auch der wahnsinnigste Züchter sie nicht verderben kann.« (Konrad Adenauer) Adenauer war ein großer Rosenfreund und selbst als Züchter tätig. Eine Rose trägt seinen Namen.

Gloria Dei

Die Welt
der Rosen
in einer
Rose

die Rose
für die Welt

nicht
irgendeine
Rose

die Rose
der Rosen

die Rose,
die die Rose,
die die Rose ist

die Rose

die Weltrose
der Rosenwelt

die Welt
in einer
Rose

»Die Rose, die die Rose, die die Rose ist« ist eine Anspielung auf Gertrude Steins berühmten, häufig in Abwandlungen zitierten Satz »Rose is a rose is a rose is a rose«, der aus ihrem 1922 veröffentlichten Gedicht »Sacred Emily« stammt.

Weitere Gedichte finden Sie im Buch.

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Peter Hereld

Fall 1: Eine Frage der Reinheit

Wir schreiben das Jahr 1234. Robert und sein arabischer Freund Osman sind nach ihrer abenteuerlichen Flucht aus Alexandria endlich in Cölln angekommen. Bald eilt ihnen der Ruf voraus, mit ihrer Findigkeit selbst die kniffligsten Rätsel lösen zu können.

»Untersteht Euch, meine Arbeiten auch nur anzufassen, bevor Ihr mich entlohnt habt!«

»Hättet Ihr mir mein Gold zurückgegeben, Meister Bertram, wäre die Sache für mich erledigt gewesen. So allerdings ließet Ihr mir gar keine andre Wahl – ich habe die Stadtwache rufen lassen!«

»Die Stadtwache?« Bertram bebte vor Zorn. »Warum nicht gleich die Dominikaner? Lasst doch die Hunde des Herrn auf mich los!«

»Ihr wünscht Besuch vom Inquisitor, Herr Goldschmied? Nichts leichter als das, ich kann ihn gleich kommen lassen!« Kaum zur Tür hereingekommen, begann Osman die Unterredung auch schon mit einer Unverschämtheit. Meister Bertram schaute verwundert auf, als im Gefolge von zwei Stadtwachen Robert und Osman seine Werkstatt betraten. Während der schmächtige Osman von den eingerüsteten Soldaten nahezu vollständig verdeckt wurde, überragte Robert seine Begleiter um eine gute Kopfeslänge.

»Was zum Teufel soll das bedeuten? Ihr kommt zu viert, wegen eines unbedeutenden Händels zwischen Kaufleuten? Zwei Soldaten in voller Kampfesmontur, ein Riese und ein Zwerg aus dem Morgenland?«

»Nichts gegen kleine Männer, Meister Bertram, oft sind sie im Geist besonders rege«, erwiderte Osman, kein bisschen beleidigt.

»Dann muss Euer Freund ja ein besonders tumber Klotz sein!«, entgegnete Bertram und grinste gehässig.

»Wir wurden gebeten, hier eine Klärung herbeizuführen«, überging Robert gleichmütig das Gelächter. »Also sagt schon, was genau der Grund des Streites ist!«

»Ich habe Meister Bertram elf Unzen Goldstaub gegeben, dass er mir zwei Broschen aus reinem Gold daraus fertige, als Brautgeschenk für mein zukünftiges Weib. Eine Unze, so war vereinbart, sollte er als Lohn für seine Schmiedekunst behalten«, gab der Kaufmann bereitwillig Auskunft.

»Und zehn Unzen wiegen die beiden Broschen!«, platzte Bertram dazwischen und zeigte auf die Waage. »Ein reelles Geschäft also!« Osman beugte sich über die Waagschalen. In der einen lagen die Broschen, in der anderen ein Zehnunzengewicht, die Schalen waren gleichauf.

»Und?« Osman schaute fragend zum Kaufmann. »Scheint doch wirklich alles zum Besten zu stehen. Oder habt Ihr Zweifel wegen der Gewichte?«

»Eher Bedenken, was die Redlichkeit des Schmiedes betrifft«, entgegnete der Kaufmann, beinahe flüsternd, »man hört so allerlei!«

»So, was spricht man denn über mich?«, brauste Bertram auf.

»Dass Ihr ein elender Betrüger seid, der Gold entgegennimmt und wertlosen Tand liefert!«

»Und warum, zum Teufel, kommt Ihr dann überhaupt zu mir, Eurer saubren Braut den Schmuck zu bereiten?« Robert nickte.

»Eine berechtigte Frage, Schmied! Also, Herr Kaufmann, warum habt Ihr trotz dieser Gerüchte Meister Bertram beauftragt?«

»Ich hab’s erst gestern gehört, vom Alfred Hammichel!«

»Etwa der Alfred, der Geselle ist beim Meister Klamm?«, hakte Robert nach.

»Bei Meister Klamm, dem Goldschmied gleich gegenüber?«, vollendete Osman. Der Kaufmann nickte betreten, während Bertram seine Selbstsicherheit wiedergewann. Hämisch grinste er in die Runde.

»Da fragt doch das nächste Mal gleich das Schwein, was es vom Knochenhauer hält!« Alle lachten, nur der Kaufmann nicht.

»Zumindest sind wir nicht vergeblich gekommen«, beendete Robert schließlich die heitere Runde, »fragt sich bloß, ob wir’s nun mit Betrug oder Verleumdung zu tun haben.«

»Dann lasst uns halt die Broschen aufschlagen und nachschauen, ob sie durch und durch aus purem Gold bestehen oder nur aus minderem Metall mit goldnem Überzug!«, sagte Osman und hatte auch schon eines der Schmuckstücke in der Hand.

»Untersteht Euch, erst möchte ich den Lohn für meine Arbeit!«, schäumte Bertram.

»Den Teufel werde ich tun, erst die Broschen zahlen und dann ruinieren, so weit kommt’s noch!«, entgegnete der Kaufmann entrüstet.

»Dann wird’s verzwickt!« Robert schüttelte den Kopf und schaute Hilfe suchend zu seinem Freund hinüber. Auch Osman schien anfangs ratlos. Doch plötzlich hellte seine Miene sich auf.

»Heureka, ich hab’s! Holt rasch einen Bottich und eine Schale, die drunter passt – Wasser, Waage, Gold und zwei Becher stehen hier ja schon!« Während die anderen Osman entgeistert anstarrten, schlug sich Robert mit der flachen Hand gegen die Stirn.

»Aber natürlich, so wie damals in Goslar – aber sag, wie hieß noch mal der Helene, von dem du den Trick hast?«

Bereits zum nächsten Glockenschlag wurde Meister Bertram dem Hauptmann der Stadtwache vorgeführt. Osman konnte ihn eindeutig des Betrugs überführen, ohne die Broschen zu zerstören. Wie hat er das fertig gebracht, und wie hieß eigentlich noch einmal der alte Grieche, der auch für seinen Ausruf »Heureka!« bekannt ist?

© 2012 Peter Hereld

Die Auflösung und weitere Kurzgeschichten von Robert und Osman finden Sie im Buch.

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Diana Krewald

Sternenfänger

Wir waren immer ein Teil
dieser Dunkelheit.
Ich nannte dich
Karmesin, Purpur und Golden.

In deinem sternenbesetzten
Netz fingst du Kometen und
Galaxien für mich,
nur für mich.

Bis es kalt wurde
und Frost sich auf deine
Lippen legte.

Im Netz zwischen uns
schwebte ein blauer Planet.
Seine Kälte strahlte jetzt
aus deinen Augen.

Der Planet sang für dich.
Hell und silbrig.
Sein Herz angefüllt voll
ruheloser Schatten.

Du sagtest, Erde und
er pulsierte vor Freude.

Tränen auf meinen Wangen
erstarrten zu Eis.

Noch nie hattest du Dingen
Namen gegeben,
das war immer mein
Privileg gewesen.

So verließ ich dich,
mein Liebster und wurde
Teil dieser anderen Dunkelheit,
dem Urdunkel,
was keinen Namen trägt.

Vor ihren Augen

Wir umkreisen einander
wie junge Wölfe,
deren Hunger nur ein
Ebenbürtiger stillen kann.

Auf unseren Lippen
brennt jenes Feuer,
das allein der Kuss des
Liebsten entflammen kann.

Wir sinken atemlos in ein
Tal aus Purpur,
dessen tiefes Dunkel
berauscht wie süßer Wein.

Uns bleibt so wenig
an diesem Ort,
wo Zeit so viel Macht hat.

Nur das Frevelspiel
ihrer Augen
kann uns verletzen
wie zwei stumme Schläfer
auf einer grellen Bühne.

© 2012 Diana Krewald

Weitere Gedichte finden Sie im Buch.

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Karla Baier

Oh, pardon!

Der Gang ist nicht breit genug
für mich und zwei Gläser Wein.
Es war doch nur ein kleiner Krug!
Gleich stellt sich die Säule
in den Weg hinein.

Sag, warum lachst du bloß?
Du meinst, ich kann nicht gerade geh’n!
Sicher, der Tropfen war etwas zu groß,
die Welt fängt an, sich um uns zu dreh’n.

Umzug

Morgens voller Elan
Kisten packen
Treppen runterschleppen
transportieren
am Bestimmungsort
Treppe wieder rauf
schwitzen
Hunger und Durst groß
essen
trinken
weitermachen.
Waschen
putzen
scheuern
Treppen runter
s.o.
Nach gefühlten hundert Mal
rauf und runter laufen
Beine schwer
Rücken spürbar,
kaputt!
Und das Sofa ruft.

© 2012 Karla Baier

Weitere Gedichte finden Sie im Buch.

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Heinrich Leonhardt Hillmann

1. Eine Intuition

niedergeschrieben unter äußerster Bedrängnis in einem Zuge in Frankfurt am Main am 6.10.1978.

Theoretische Schriften zum Kampf

Wo sind die Männer, die Männer sind? So fragte ich mich. Endlich finde ich nicht den Mann, sondern die Frau. Sie schickt mich, sendet mich, gibt mir Glauben an meine Idee, die es zu verwirklichen gilt. In ihr finde ich die meinige, und wir trennen uns nach vier Wochen.

Auf der Erde

Kampf aller gegen alle. Frau gegen Mann, Freundin gegen Freund. Nichtverstehen auf allen Fronten. Kein Moment der Pause, der Ruhe, nur im Zusammenbruch. Träne um Träne entrinnt dem Sieger um das, wogegen er kämpfte. Schluchzend wirft er sich auf den toten Feind, der ihm zum Sieg verhalf. Ehemals Freunde in der Erkenntnis, der Idee, nun Feinde in der Erkenntnis, sie zu leben. So laufen die Schlachtenreihen des Lebens. Immer wieder begegnen wir dem Du, dem Freund, der Frau, dem Mann. Wir begegnen einander, aber indem wir es aussprechen, sind wir schon wieder getrennt, Feinde, auf der anderen Seite des Lebens. Wir fliehen vor der Nähe des anderen, die wir suchen. Aber immer im anderen, den wir nicht kennen, lebt in uns die Vorstellung dieser Idee – im Weib, im Mann.

Ständige Versuchung

Immer wieder sind wir versucht, anzuhalten, stillzustehen, das Paradies festzuhalten, dem Atemzug des Todes Einhalt zu gebieten. Immer wieder überschreiten wir unsere Grenzen und versuchen, sie dem anderen zu geben, die eigene Verantwortung. Aber seien wir gewiss: Der Händedruck von Mann zu Mann, so schnell er auch sein mag, das Verweilen im Schoß der Frau, so kurz es auch dauert, der zärtliche, sanfte, innige Kuss von Mann zu Frau: Das sind Momente des Fließens von Leben, von Gemeinschaft, von Liebe, von ewigen Ideen, die wir bewegen. Schöpfen wir daraus, saugen wir es in uns ein! Seien wir gewiss: Eine Sekunde zu spät oder zu früh, schon sind wir wieder Feinde und bekämpfen den, von dem wir gerade gesaugt haben, um dieser verletzenden zu kurz oder zu lang dauernden Sekunden willen. Und seien wir gewiss: Wir werden nicht eher Ruhe geben, können nicht eher Ruhe finden, bis es erfüllt ist: in der Möglichkeit, in der Verschwendung, in der Natur.

© 2012 Heinrich Leonhardt Hillmann

Weitere Texte finden Sie im Buch.

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Egbert Brandt

Die Begegnung

Es ist so: Ich bin eine »männliche Jungfrau«, die noch keine Affäre gehabt hat. Glück und Liebe haben in den letzten Wochen und Monaten um mich einen Bogen gemacht. Meine Beziehung ist zerbrochen. Ich sehne mich nach Fröhlichkeit, Harmonie, nach einer jugendlichen, frischen, verführerischen Lady. Trotz meines Beziehungsstresses habe ich meinen Blick für das weiblich Reizvolle nicht verloren. Da lese ich in der Wochenendausgabe meiner Tageszeitung unter der Rubrik »Bekanntschaften«:

»Später Sommerwind« sucht charmanten
Partner für den Herbst des Lebens ...

Leider lese ich erst am Mittwoch die Samstagsausgabe, ausnahmsweise! Das ist es! Ja, versuch dein Glück! So setze ich mich noch am Abend an meinen Schreibtisch und schreibe …

Ich bin seit drei Jahren auf der Suche nach einem
Schatz bzw. Partnerin, mit der ich in Harmonie die
schönen Dinge des Alltags und den goldenen Herbst
des Lebens genießen möchte. Hobbys, Urlaubsziele
und Persönliches …

Noch am Abend stecke ich meinen Brief in den Briefkasten des Zeitungsverlages. Da ich noch nicht geschieden bin, gebe ich neben meiner Anschrift die Telefonnummer meiner Firma an. Nun beginnt das Warten. Ich bin mit meinem Brief spät dran. Wird es überhaupt eine Antwort geben?

Tage vergehen. In meiner Führungsposition in einem Industriebetrieb habe ich einen Zwölfstundentag und denke schon nicht mehr an den »Sommerwind«. An einem Mittwoch zu später Stunde, ich bin allein im Büro, summt plötzlich das Telefon. Ich hebe den Hörer ab.

»Papierverarbeitung Brammer«.

Am anderen Ende eine sympathische weibliche Stimme: »Hier Krohne«.

Mir bleibt das Herz stehen. Das ist der »Sommerwind«! Wir tauschen am Telefon Persönliches in Kurzform aus. Jeder hat eine Enttäuschung hinter sich und sucht einen Neuanfang. Ich verheimliche, dass ich noch nicht geschieden bin und mit meiner Frau in einer Penthouse-Wohnung lebe. Geheimnis oder nicht ausgesprochene Notlüge? Ich gebe es aber bald preis. Nur nicht heute! Die weibliche Stimme am anderen Ende wird mir immer sympathischer. Meine Stimme vibriert und erst recht mein Herz. Ich lache ein paar Mal und bekomme vom anderen Ende ein herzhaftes Echo. Ich verspreche einen Rückruf, nachdem mir der »Sommerwind« seine Telefonnummern genannt und erklärt hat, dass er in Bad Mund wohnt. Die nette Stimme und die für mich noch »große Unbekannte.«

»Tschüss, Frau Krohne. Auf Wiederhören.«

Ich lege auf.

»Feierabend!«

Ein Glücksgefühl durchströmt meinen Körper. Mir ist nach Jubeln, Lachen, Hüpfen zumute.

In den kommenden Tagen geht mir am Schreibtisch und in der Produktion mit den Kollegen und Mitarbeitern alles leicht, flockig und fröhlich von der Hand. Kurzum, ich habe eine Bombenlaune. Christel fragt: »Bernd, ist was?«. Ich zwinkere mit den Augen. Sie kennt meine Situation. Am folgenden Samstagabend rufe ich meine Glücksnummer an. Euphorisch und mutig erzähle ich von mir und meinen Plänen und Vorstellungen.

»Entschuldigen Sie bitte, ich erzähle ja nur von mir. Frau Krohne, nun möchte ich auch gern etwas von Ihnen erfahren. Wie groß sind Sie, was für eine Haarfarbe haben Sie? Stehen Sie noch im Berufsleben? Wo machen Sie Urlaub? Und wie alt sind Ihre Kinder?«

»Ich glaube, wir haben uns viel zu erzählen. Wollen wir uns nicht treffen und uns bei einem Kaffee persönlich kennenlernen? Sie machen mich neugierig!«

»Damit wäre ich sehr einverstanden«, kommt es aus der Leitung.

»Nun, Frau Krohne, machen Sie bitte einen Vorschlag. Wann und wo?«

Kleine Denkpause.

»Ich kenne ein Café in Lauenstein, neben dem OKAL-Gebäude. Man nennt es OKAL-Café. Wäre das auch in Ihrem Sinne?«

»Aber ja, ich freue mich riesig, Sie kennenzulernen. Was halten Sie denn von Sonntag, dem 1.11. um 15 Uhr«?

Vom anderen Ende kommt Zustimmung – jedoch bereits um 14 Uhr soll es sein. Gut.

© 2012 Egbert Brandt

Die gesamte Geschichte finden Sie im Buch.

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Elviera Kensche

Rosentrilogie

Eine Rose im Dezember

Der Wind bläst so kalt
und Schnee liegt in der Luft.
Es weihnachtet bald.
Da spür’ ich einen Duft.
Ein Duft voll süßer Herrlichkeit
und voller Poesie.
Er passt nicht in die Jahreszeit.
Und plötzlich seh’ ich sie:
Die kleine Rose steht allein
und duftet nur für mich.
Ich freu’ mich so sehr, dass ich wein’
und denk’ dabei an Dich.

Der Rose Tod

Doch dann ihr jähes Ende kam.
Sie starb im Januar.
Ein Windstoß ihr die Blätter nahm.
Ihr Duft ist nicht mehr wahr.
Und ich steh’ vor dem Rosenstrauch,
schau’ seine Zweige an.
Ob er im zarten Frühlingshauch
wohl wieder leben kann?

Auferstanden

Und bei der ersten Frühlingssonne
ist meine Rose leis’ erwacht.
Die Blüten strecken sich voll Wonne
zur Lebenswärme hin mit Macht.
Die Frühlingssonne wärmt auch mich.
Sie schleicht sich leise in mein Herz.
Ich denke immer noch an Dich,
die Rose mildert meinen Schmerz.

Taubenbraten

Mit fragenden Augen schaut sie mich an,
die Taube in der Stadt.
Und mir ist’s, als ob ich verstehen kann:
»Ich bin noch längst nicht satt.«

Ein Stückchen Brot geb’ ich ihr noch
und denk’ an alte Zeiten.
Die Oma konnte Tauben doch
so lecker zubereiten.

Die Mücke

Ich hab’ mit Goethe ’ne Mücke erschlagen.
Ich konnte ihr Surren nicht mehr ertragen.
Dann stach sie mir noch ins Gesicht.
Ich dacht: »Das überlebst Du nicht.«
Ganz leise schlich ich zum Regal,
auf Goethe fiel dort meine Wahl.
Sie saß an der Wand und ich schlug zu.
Ach wie herrlich, nun war endlich Ruh’.
Ich bin Humanist, selbst wenn ich töte.
Darum starb die Mücke unter Goethe.

© 2012 Elviera Kensche

Weitere Gedichte finden Sie im Buch.

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Jonas-Philipp Dallmann

Modellbahn

An jenem Sonntag – drei oder vier Stunden hatten wir im Gespräch beieinander gesessen und Erinnerungen an eine gemeinsame Schulkindheit bewegt, wobei ein unruhiger, von Wind durchsetzter Regen an die Scheiben geschlagen hatte – an jenem Sonntag also zeigte Fink mir die Modellbahn. Schon oft hatte er von ihr gesprochen, in Wendungen, die das Belanglose dieser Liebhaberei zu entschuldigen suchten; womit er sich da beschäftige an seinen freien Abenden, sei ein hoffnungslos altmodisches Steckenpferd, eine indiskutable Marotte; dennoch könne er von ihr, der Modellbahnerei nicht lassen; es falle ihm selbst schwer, zu erklären, warum.

Natürlich beeilte ich mich, Fink zu versichern, dass ich die Vorurteile, die man seinem Hobby entgegenbringe, nicht teile, sondern es im Gegenteil immer interessant gefunden habe; ich sogar der Meinung sei, dass sich in ihm eine Art künstlerischer Ausdruckswillen verkörpere. Fink nickte und blickte zu Boden.

Auch an jenem Sonntag gelangte die Modellbahnerei in unser Gespräch, beiläufig zunächst, aber dann immer angelegentlicher. Wir sprachen über die Nachahmung der Wirklichkeit, die der Modellbahnbauer vollziehe, und mit welchen Täuschungen er den begrenzten Raum, der ihm zur Verfügung steht, größer erscheinen lässt. Ich berichtete von Schauanlagen, die ich in Verkehrsmuseen gesehen hatte und zählte die Attraktionen auf, die man dort sehen kann: Lokschuppen mit Drehscheiben, hängende Schluchten, über die sich kühne Viadukte spannen, mit Reklametafeln und Straßenbahnen belebte Kleinstädte, die sich um Bahnhofsanlagen schachteln und abgelegene Berggehöfte, neben denen braunweiße Kühen grasen.

Fink nickte zu meinen Beschreibungen, schien sie aber mit einer Art Ungeduld anzuhören. Plötzlich sprang er auf und erklärte, unseren Erörterungen fehle der Boden, die Praxis; es sei an der Zeit, dass ich endlich seine, Finks, Anlage zu Gesicht bekäme. Er wolle sie mir vorführen, jetzt, auf der Stelle: es sei der Moment dafür. Zwar würde ich vielleicht enttäuscht sein, aber egal.

Ich nickte, und kurz darauf stiegen wir, die halb ausgetrunkenen Weingläser in der Hand, die Kellerstiege hinunter. Fink steuerte auf eine Tür am Ende eines Ganges zu, zog einen Schlüssel hervor, drehte ihn mit einer kurzen Bewegung und öffnete, wobei er mit einer gewohnheitsmäßigen Bewegung nach rechts tastete. Gelbliches Neonlicht flackerte auf, und wir betraten einen weiträumig niedrigen Keller.

© 2012 Jonas-Philipp Dallmann

Die gesamte Geschichte finden Sie im Buch.

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Altje Hornburg

Die Essenden

Das Mädchen aß seinen Teller leer. Blitzblank, sagt der Vater stets, und wenn gute, saftige Soße dabei wäre, dürfe man sie mit der Zunge ausschlecken. Das Mädchen war sich nicht sicher, ob es das hier auch dürfe. Andere Länder, andere Sitten, hatte die Mutter zu ihm gesagt, und es hatte verstanden.

Das Essen war schmackhaft und die braune Bratensoße saftig. Unter der Zunge des Mädchens lief noch etwas Speichel zusammen, es hatte bei sich selbst die Erfahrung gemacht, dass es erst satt war, wenn es sich unter seiner Zunge stumpf anfühlte. Es entschied sich gegen das Ausschlecken und bat darum, sich noch zwei Kartoffeln nehmen zu dürfen. Niemand antwortete ihm, nur die Tante wies kurz mit den Augen zur Schüssel hin.

Das Mädchen drückte die schön mehligen Kartoffeln in der Soße zu Brei und schob ihn langsam und genüsslich in den Mund. Es war übersatt, blieb still sitzen und wartete auf den unausbleiblichen Rülpser, um ihn rechtzeitig unterdrücken zu können, denn es war sich nicht sicher, ob man das hier ungeniert dürfte. Seine Begabung zur Selbstkontrolle brachte es mit sich, dass der Rülpser ausblieb. Die Tür ging auf, die Kusine brachte einen Teller Essen in die Küche. Sie sagte beiläufig: »He will nix eten«, legte das Besteck in die Schublade und ging mit dem vollen Teller in die Vorküche. Niemand der Essenden antwortete oder blickte auf. Das Mädchen hörte ein schepperndes Geräusch, und die Kusine kam mit dem leeren Teller zurück. Es überlegte einen Moment, dann hatte es verstanden: He will nix eten: »Er will nichts essen«.

Das Mädchen stand vom Tisch auf, als alle aufstanden. Die Tante strich ihm im Hinausgehen flüchtig über den Kopf und legte ihre warme Hand für einen Moment in seinen Nacken. Danach war es mit sich allein und suchte sich zu beschäftigen.

In der Vorküche stand ein Bottich mit Speiseabfällen, Kartoffelschalen und Grünzeug. Fall nicht in die Schweinebrühe, hatte man sie ermahnt. Das Mädchen hob den schweren Deckel an, beugte sich neugierig über die trübe, wabernde Masse und nahm einen säuerlichen, gärigen Geruch wahr. Es ekelte sich nicht, sondern beobachtete, wie vom Grund des Bottichs blubbernde Blasen auftrieben und sich in kleinen schäumenden Perlen auf der Oberfläche verteilten. Es suchte nach den Möhren und Erbsen, den Kartoffeln und dem Fleisch, das sie heute gegessen hatten, doch nichts davon trieb in der Schweinebrühe. Das Mädchen griff nach einem langstieligen Holzlöffel, rührte ein wenig von unten her auf. Nichts kam zum Vorschein als Rote-Beete-Scheiben, die hatte es gestern gegeben.

»He will nix eten«, sprach es leise vor sich hin, sprang behände im Zickzack über die niedrigen Buchsbaumhecken, wiegte sich im Takt und wiederholte diese Worte in einer Art sprechendem Gesang: »Er will nichts essen«. Wie es das häufig tat, hob es die Wörter ihrer Reihenfolge nach betonend hervor: Er will nichts essen … Er will nichts essen … Er will nichts essen … Er will nichts essen. Es staunte darüber, dass seine Aussage jedes Mal einen veränderten Sinn annahm, und es hielt inne bei: Er will nichts essen.

Mit beiden Füßen im Möhrenbeet, von rankendem Erbsengrün umgeben, ließ es seinen Blick über die alten Stallungen der kleinen Bauernstelle schweifen. Es dachte an nichts, empfand mit all seinen Sinnen die tiefe Ruhe, die von diesem Ort ausging … doch zugleich war ihm, als werde es von etwas Unerklärlichem umfangen, das sich heute und hier zu ereignen schien.

© 2012 Altje Hornburg

Die gesamte Geschichte finden Sie im Buch.

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Gaby Memenga

Die Kartoffel

Die lange Rückfahrt von Oslo nach Deutschland mit ihrer Flut von neuen Eindrücken, Reizen und kleineren Strapazen hatte Anne erschöpft und müde gemacht. Jetzt aber, als sie im Bahnhof ihres ehemaligen Heimatdorfes stand, war sie froh, ihre beiden Koffer nicht mehr durch überfüllte Züge, sondern nur noch bis zum nächsten Taxistand schleppen zu müssen. »Bitte zur Dorfstraße 23«, rief sie mit gelöster Stimme dem Taxifahrer zu und ließ ihre Koffer langsam zu Boden sinken. Für Anne war es etwas völlig Neues, in ihrem alten Heimatdorf vom Bahnhof aus mit einem Taxi in den alten Dorfkern zu fahren, da sie sonst immer von ihren Eltern abgeholt wurde. Diese genossen aber gerade ihren Urlaub in Oberfranken, und zurückgeblieben war nur die Mutter des Vaters, die schon lange vor Annes Geburt in einem direkt gegenüberliegenden Haus wohnte.

Zwei hohe Kastanienbäume säumten wie zwei Pfeiler das kleine, hellrote Backsteinhaus, vor dem jetzt das Taxi hielt. Den vorderen Teil des Gartens schmückte neben den Kastanienbäumen ein kleiner Brunnen, hinter dem eine rote Mühle ihre Flügel zu den nahen Blättern der Bäume emporstreckte. Anne erinnerte sich, dass ihr Großvater selbst diese große Mühle in Erinnerung daran gezimmert hatte, dass er als vierzehnjähriger Knabe bei einem Müller eine Lehre angefangen hatte.

Als Anne dem Taxifahrer das Geld gegeben und in jede Hand einen Koffer genommen hatte, wurden die Gardinen an dem großen Fenster an der Frontseite des Hauses von einer faltigen Hand hastig beiseite geschoben, und hinter der freien Fensterscheibe zeigte sich Annes Großmutter. Sie lächelte freizügig, klopfte vor Aufregung mit der flachen Handfläche gegen die Scheibe, verschwand im nächsten Augenblick und erschien noch, bevor Anne das Gartentor durchquert hatte, vor der Haustür. Hastig lief sie Anne entgegen und rief: »Endlich biste dor, Mensch! Endlich man! Ich hev schon so oft an Di dacht, Mensch! Man, so weit nach Norwegen biste gefahren und das ganz allein! Mensch hev ich dacht!«

© 2012 Gaby Memenga

Die gesamte Geschichte finden Sie im Buch.

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Sonja Klima

Die Zeitspanne

die wäsche, die ich wusch war voller blut … ratten waren viel in diesem jahr … gestank – weit und breit.

und dann kamst du. fünf burschen, noch im studium, betrunken … wankten sie die gosse lang. hämisch grinsend, mich am arm gepackt … um mich rum schlawenzelnd … schlecht gemacht. vier hatten ihren spaß daran … doch der fünfte … der warst du. haare blond, dein gesicht so zart, augen so blau, wie ich sie vorher niemals sah … mitleid und verzweiflung in ihnen lag. du solltest deine unschuld verlieren bei mir, ich fand die schuld wieder … in dir …

sie schubsten mich voran in ein zimmer, welches bereit dafür war … rissen die kleider von meinem leib, sahen zu, wie du dich … von dir selbst … hast befreit … jubelten zu schmerz und leid. tranken bier mit leichtigkeit. du drehtest deinen kopf, damit du die tränen der trauer und wut, von mir nicht sahst. großes gelage, abschied in not … als mein blick wieder klar, lagen münzen … leicht hingeworfen … auf dem tisch.

ich ging wieder an den wäschetrog … die seife stolz in meiner hand, den kopf voll würde hoch … die zeit ging, wie sie kam … ohne, dass ich sie vernahm. und dann kamst du …

anders als beim ersten mal. du hattest worte … sanft … für mich. und münzen, du wie selbstverständlich, in meinen busen stecktest geschwind. nahm deine hand und zog dich mit ein lächeln von uns verschwörte sich. arme in zärtlichkeit und lippen voller glück. zungen leckten süßen nektar … jeden augenblick … du gingst immer bevor die sonne kam und kamst wenn diese unterging … die zeit war lang für uns … die dazwischen hing…

aus liebe gezeugt gebar ich einen sohn … der nie verstand seines vaters thron. hass, eifersucht und neid … schwer trug die zeit. du ein schreiberling und ich eine heilerin – der fluch stand bereit. deine worte waren gefährlich – keine achtsamkeit. so holten sie mich … und verbrannten mein kleid … du aber … hattest keine zeit …

du schaust mich
zärtlich fragend an
genießt das streicheln
meiner warmen hände
ich weiß – dass du
jetzt auch noch gehst
in dieser nacht
ist – ende

© 2012 Sonja Klima

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Maria Marhauer

Der Literaturabend

Man schrieb das Jahr 2008, als sich in den Abendstunden eines grauen Novembertages eine kleine verschworene Gesellschaft von etwa zehn Personen in dem kleinen Harzvorort Groß-Elbe in einem Literatur-Stübchen zusammenfand, um ihrer gemeinsamen Liebe, dem Verfassen von Literatur, zu frönen. Gekommen war der junge, hoffnungsfrohe Verleger eines in der dynamischen Übernahme befindlichen Verlages und eine kleine Schar von Autoren/innen bzw. solchen, die es werden wollen.

Hier, in dem kleinen Literaten-Cafe, schien die Zeit stehen geblieben zu sein, so altertümlich anheimelnd bot sich dem Betrachter das Bild des kleinen Raumes, in dem gerade einmal zehn Personen Platz finden konnten. Neben dem Eingang sorgte ein alter Ofen vom Ende des 19. Jahrhundert, der vom Herbergsvater, einem Don Quichote unserer Tage, stets fürsorglich angeheizt wurde, für behagliche Wärme.

Nach einer kleinen Weile – man hatte sich untereinander schon angeregt unterhalten – machte ein Merseburger den Anfang, er rezitierte aus seinem »Matthes Spökenkieker«. Dieser Matthes, noch ein Kind, wachte plötzlich nachts auf und traute seinen Augen nicht: sah er doch vor dem noch brennenden Herd in der Küche einen Geist, ja – einen kleinen Zwerg, der furchterregend aussah. Und was tat dieser Gnom? Er holte einen Frosch nach dem anderen aus seiner zerlumpten Jacke, um sie feinsäuberlich auf den Herd zu legen und zu rösten. Danach verschlang er die gerösteten Frösche – erst hastig, dann, nach dem Verzehr einiger Dutzend, gemächlicher. Der Geist hatte natürlich längst mitbekommen, dass Matthes wach geworden war und vor Entsetzen nichts sagen konnte.

»Komm her zu mir«, befahl er dem Kleinen und bot ihm von den gerösteten Fröschen an. Dann erzählte er von einem magischen Dritten Auge, dass jeder Mensch auf seiner Stirn trüge. Die meisten wüßten nur nichts davon und würden folglich von ihm auch keinen Gebrauch machen. Zum Beweis seiner gruseligen Geschichte schlug er dem kleinen Mattes kräftig auf dessen Stirn. Ab jetzt, so der Gnom, könne Matthes alles in seiner Vision voraussehen.

Und tatsächlich – so wollte es sein geistiger Vater, der Autor des »Spökenkieker«, der mit seinem Bart und rundlich-wohlgenährt eher einem zufriedenen Protestanten glich – ließ er den Kleinen den Dreißigjährigen Krieg voraussehen. Das ging so weit, dass nicht zuletzt sein leiblicher Vater nicht schlecht staunte, woher der Bub denn die Fähigkeiten habe, stets Zukünftiges vorauszusehen – so etwa auch, dass der Verwalter des Fürsten, ein Handlanger des Bösen, der seinem Vater Schläge angedroht hatte, kurz darauf versterben würde. So geschah es denn auch.

© 2012 Maria Marhauer

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Gabriele Arnicke

Verwandtschaft

Das wollige Wesen war mir zugetan
Es umgarnte mich spontan
Stellte sich auf meinen Fuß
Zum hautnahen Freundschaftsgruß
Rieb den Kopf an meinem Fleece
Was ich mir gefallen ließ
Schob es die Oberlippe vor
Mit vertrautem Hängeohr
Die Sympathie auf beiden Seiten
Ließ mich die Gedanken leiten
Das wollige Wesen mit Namen Sylvester
Betrachtet mich als seine Schwester
Warum war ich mir gleich gewiss
Es liebte unsern überbiss

Heimweh

Gehaltvolle Stille.

Die Sonne hatte heute keine Verabredung mit ihrer Abendröte.

Unerkannt verschwand sie in den Wolken und hinterlässt einen Abendhimmel,
der zwar das feurig rote Licht entbehrt,
seine Helligkeit jedoch den angehenden Tag vorgaukelt.

Die kühle Feuchte, die der Abend bringt, könnte ebenso die vom Morgen sein.

Sattes Rasengrün verliert am Abend seinen Glanz.

Die Gruppe von stattlichen Bäumen im sommerdichtem Kleid
schickt ihr grünes Leuchten in den Schlaf.

Es ist, als wenn die Nase den Beginn der Nacht riecht
und auf den Lippen der ersehnte Morgentau perlt.

Hellgelb zeigt sich die Mondsichel und verrät das Schwinden des Tages.

Lass gnädig ihn in den Wolken versinken.
Lass meerestiefblaue Farbe den Himmel verdunkeln

Heute nur, dass der Schlaf die Sehnsucht nimmt, das Weh und die Melancholie.

Nur diese Nacht lass dunkel sein, des Schlafes wegen,
der die Gedanken mitnimmt und sie verwahrt,
wenn das Herz mal wieder schwer sein will.

Nur diese Nacht lass schnell dunkel sein.

© 2012 Gabriele Arnicke

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Renata Maßberg

Die Natur

Mein Garten

Einen Garten pflegen,
die Zöglinge hegen,
an Früchten sich laben,
den Frust untergraben,
am Blühen sich weiden,
die Rosen beschneiden,
die Dornen versenken,
an Heilung denken,
den Tag neu vermessen,
die Welt dann vergessen,
einen Apfelbaum pflanzen,
den Ringelpütz tanzen,
und Fröhlichkeit tanken
und Lust ohne Schranken,
so täglich aufs Neue,
am Garten mich freue.
So banne ich dort
die Sorgen vom Ort.

Wagnis

Wir räumen die Barrieren
Ohnemich und Ohnemacht.
Unsere Sesselsicherheit
tauschen wir mit Wagen,
befreien uns aus
der Fesselpanzerung,
steigen vom Wachturm
Wartestand,
verlassen die Fluchtburg
Sicherheit
und machen uns frei
zum ersten Schritt
ins offne Feld Vertrauen.
Ich reihe mich in die
Seilschaft der Mutigen ein
und überwinde
das Felsmassiv Angst.

© 2012 Renata Maßberg

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Bernward Schneider

Nosferatu kehrt zurück - Eine böse Geschichte

Das Läuten des Telefons riss mich aus einem dunklen Traum.

»Du musst sofort herkommen, Karl«, sprach Johnny leise in die Leitung, als hielte sich jemand in seiner Nähe auf.

»Es gibt da ein Problem, und ich brauche deine Hilfe, damit es schnell wieder aus der Welt geschafft ist.«

»Was ist los?«, wollte ich wissen. »Und warum mitten in der Nacht?«

Johnny wiegelte ab. »Frag jetzt nicht! Nimm dir ein Taxi und komm in mein Büro! Und pack dir ein paar Sachen ein! Wir müssen eine kleine Reise unternehmen, und vor morgen Abend sind wir nicht zurück.« Und versöhnlicher fügte er hinzu: »Vergiss nicht, dass wir Freunde sind, Karl! Und ich wünsche mir sehr, dass es so bleibt.«

Es war keine angenehme Nacht, mäßig warm, aber dennoch drückend. Ein leichter Regen fiel aus einem Himmel herab, den dunkle Wolkenfelder bedeckten. Ich ließ den Fahrer des Taxis gute hundert Meter vom Ziel entfernt halten und ging auf dem Bürgersteig ein Stück in die falsche Richtung. Erst, als der Wagen an der nächsten Kreuzung im Gewirr der Nacht verschwunden war, wechselte ich Straßenseite und Richtung und legte den Rest der Strecke zu Fuß zurück. Es war ein monumentaler gläserner Kasten, vor dem ich stand, tagsüber eine Augenweide aus Glas, Stahl und Beton, zu dieser Nachtstunde aber ein düsterer Stalagmit, der hoch hinauf in den schwarzen Himmel ragte. Nirgendwo hinter den Fenstern war ein Licht zu sehen. Zwischen den Rasenflächen, die den Weg zum gläsernen Eingangsportal säumten, wuchsen Büsche und Bäume in gepflegten Reihen, und neben dem Portal hing ein großes Schild, auf dem die Namen der in dem Gebäude ansässigen Unternehmen aufgelistet waren. Ich schaltete die Klingelschildbeleuchtung an und drückte mehrfach auf den Knopf mit Johnnys Namen. Dann wartete ich und wartete, ohne dass etwas passierte oder irgendwo ein Licht anging.

Der Himmel war ohne Sterne, schwarze Wolken zogen darüber hin; zuweilen trat hinter ihnen ein silberner Mond hervor. Während ich zwischen zwei Wolkenfeldern hindurch in das Unendliche starrte, drangen wie Motten durch ein zerrissenes Fliegengitter Bilder von Johnny in meinen Kopf; Bilder aus unserer Jugend, Bilder aus einer lange zurückliegenden Zeit. Johnny war ein schöner Junge gewesen, ein Knabe mit dem Gesicht eines Engels, und wenn er auch alles andere als ein Engel gewesen war, so hatte ich ihn doch sehr geliebt. Während ich an die nächtlichen Streifzüge zurückdachte, die wir gemeinsam unternommen hatten, empfand ich wieder, wie eigentümlich die Beziehung war, die seit damals zwischen uns bestand, eine Beziehung, als hätte uns das Schicksal – oder sollte ich es besser das Verhängnis nennen? – für unser ganzes Leben aneinander geschweißt.

Vor dem Mond wurde es wieder dunkel, als ginge ein großer, schwarzer Mann an ihm vorbei, und als ich mich gerade fragte, ob es wohl Wesen von anderen Planeten gab, die an ihnen vorüber zu fliegen vermochten, fühlte ich mich jäh auf die Erde zurückgeworfen. Ein Schrecken fuhr mir in alle Glieder, denn eine Hand hatte sich auf meine Schulter gelegt.

© 2012 Bernward Schneider

Die gesamte Geschichte finden Sie im Buch.

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Jörg Hellmann

Die Abschlussfahrt der Golf-Damen

(Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass die folgende Geschichte frei erfunden ist. ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären rein zufällig. Außerdem sind die Namen so verfremdet worden, dass der Wiedererkennungswert relativ gering ist.)

Liebe Mitgliederinnen des Donnerstag-Damen-Kränzchens (Do-Da-Krä)

Als Ladies-Captain möchte ich euch auf den neuesten Stand der Vorbereitungen zu unserer geplanten Abschlussreise bringen. Auf mich als Organisatorin sind in den letzten Wochen einige Probleme zugekommen, die ich euch nicht verschweigen möchte.

Bereits im Vorfeld hat es, wie ihr wisst, intensive Diskussionen über das Ziel unserer Fahrt gegeben. Einige wollten möglichst weit weg, damit sie ein paar Tage Ruhe vor ihren Männern haben, einige wollten lieber in der Nähe bleiben, damit sie ihre Männer unter Kontrolle behalten. Da wir uns mehrheitlich für das weiter entfernte Ziel entschieden haben, haben mehrere Damen abgesagt. Sie möchten allerdings namentlich nicht genannt werden.

Zwei haben mir mitgeteilt, sie würden nicht teilnehmen, da sie den dortigen Golfplatz schon kennen würden, zwei fahren nicht mit, weil sie den dortigen Golfplatz noch nicht kennen. Als ob es bei uns auf das Golfspielen ankäme!

Martha fährt nicht mit, wenn Marlies mitkommt. Marlies fährt nur mit, wenn Martha zuhause bleibt. Beide suchen Unterstützer.
Sabine will nur mitfahren, wenn sie im Flight mit Susanne, Herta und Olga spielen darf. Susanne, Herta und Olga fahren nur mit, wenn sie nicht mit Sabine spielen müssen.

Drei Damen wollen nur mit Astrid zusammen in einem Doppelzimmer schlafen. Berta will auf keinen Fall mit Isolde zusammen im Doppelzimmer schlafen, weil die mit ihrem Mann geschlafen hat. Clara und Karola möchten sich ein Einzelzimmer teilen.

Fünf Damen wollen auf keinen Fall beim Frühstück mit Mandy und Sissi an einem Tisch sitzen, irgendjemand nicht mit Gundi und Gundi nicht mit Mechthild. In Bezug auf das Essen wurden folgende Wünsche geäußert: auf keinen Fall Fleisch, auf keinen Fall vegetarisch, auf keinen Fall chinesisch, auf keinen Fall griechisch, auf keinen Fall mittags.
Während die eine Hälfte darauf besteht, dass es diesmal keinen Alkohol gibt, um Ausfälle und Ausfälligkeiten zu vermeiden, besteht die zweite Hälfte auf reichlich Alkohol, um den Rest besser ertragen zu können.

Anna und Agathe haben darum gebeten, dass es nicht wieder so viel Cliquenwirtschaft geben möge. Außerdem möchten sie sich gerne der Clique um Beate anschließen.

Ein Mitglied des Do-Da-Krä, das nicht genannt werden möchte, besteht vor der Reise darauf, dass sich ein anderes Mitglied unserer Gruppe vorher noch entschuldigen müsse für die gehässigen Bemerkungen während der letztjährigen Abschlussreise. Um wen es sich bei der Beschuldigten handelt, war nicht auszumachen. Das ist schon deswegen misslich, weil so viele von uns in Frage kommen.
Alle Damen möchten im Bus gerne hinten sitzen, einige aber nur, wenn Karin, Lolita und Christine nicht hinten sitzen. Hannelore würde nur mitfahren, wenn ihr erspart bliebe, mit Josefa zusammen zu spielen. Ihr reiche schon deren Mann. Bea teilte mir unverblümt mit, dass sie das ständige Getuschel in unserem Kreise nicht mehr mitmachen wolle und deswegen nicht mitfahre. Hinter vorgehaltener Hand erzählte sie mir dann, Margarete habe ein Verhältnis mit dem Zweiten Vorsitzenden. Angeblich. Die Betreffende, von mir daraufhin angesprochen, hat dies empört von sich gewiesen. Sie stellte richtig, sie habe etwas mit dem Ersten Vorsitzenden.

Nach Durchsicht aller Bedingungen, Einschränkungen und Sonderwünsche blieb lediglich eine Person übrig, die ohne Vorbehalte und ohne Vorbedingungen gerne an der Reise teilnehmen würde: Ich.
Ich habe mich deshalb entschlossen, die Reise abzusagen und fahre stattdessen mit meinem Mann für ein paar Tage in eine Reha-Klinik, um mich von den letzten Wochen zu erholen.

Euer (geschwächter) Ladies-Captain
Heidrun

© 2012 Jörg Hellmann

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Heide Kloth

Der Küster und ich und Von Klöstern und Kirchen

Ermuntert von den Berichten meiner Freundinnen fühlte ich mich von dem blühenden Tausendjährigen Rosenstock in Hildesheim geradezu angezogen. Schon immer wollte ich erfahren, welche Geheimnisse und Geschichten sich um ihn ranken.

Kurzentschlossen setzte ich mich ins Auto, fuhr von Alfeld nach Hildesheim und schloss mich einer Stadtführung an. Ich konnte nicht ahnen, wem ich an diesem herrlichen sonnigen Tag begegnen und welche Dinge mich begeistern würden. Treffpunkt war der pittoreske historische Marktplatz, der am 22. März 1945 durch einen verheerenden alliierten Bombenangriff untergegangen war, inzwischen aber liebevoll wiederhergerichtet wurde.

Noch immer wacht auf dem Marktbrunnen der aufmerksame Stadtsoldat vor dem Rathaus, mit dessen Bau 1268 begonnen wurde. Wir hatten das Tempelhaus aus dem 14. Jahrhundert, gebaut von einem wohlhabenden Bürger von Harlessem, das Bäckeramtshaus und das Knochenhaueramtshaus, an denen man den Reichtum der Zünfte der damaligen Zeit erkennen kann, längst hinter uns gelassen, als wir uns langsam dem Hildesheimer Dom »St. Mariä Himmelfahrt« mit all seinen Schätzen näherten. Das kreuzförmige Gotteshaus birgt eine Reihe einmaliger Kunstschätze aus der Zeit des Bischofs Bernward. 1985 sind sie von der UNESCO zum Weltkulturerbe der Menschheit erhoben worden. Nach einem einstündigen Aufenthalt, in dem ich alle der öffentlichkeit zugänglichen Schätze betrachten konnte, stand ich endlich vor ihm: …

© 2012 Heide Kloth

Die gesamte Geschichte finden Sie im Buch.

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Eckehard Haase

Die Macht des Schicksals

Oh ja, das allgewaltige Schicksal, literarisch verewigt und oft besungen, geheimnisvoll, magisch, düster, rätselhaft, übermächtig, faszinierend, für den Menschen nicht fassbar … Es ist wahrlich eine Macht! So scheint es zumindest, besonders für denjenigen, der daran glaubt. Aber was eigentlich ist Schicksal?

Mit dem Schicksalsbegriff wird immer eine Art höhere Macht verbunden, die uns lenkt, die sich in unseren Lebensweg einmischt – auch als Inbegriff unpersönlicher Mächte, denen der Mensch restlos ausgeliefert zu sein scheint. »Das Schicksal nimmt seinen Lauf», «das Schicksal meint es gut mit dir«, »du musst dein Schicksal auf dich nehmen« – typische Redewendungen der Alltagssprache, die zeigen, wie sehr der Gedanke an eine alles bestimmende höhere Macht noch in jedem von uns ist.

In den meisten Kulturen galt und gilt das Schicksal als unausweichliche Bestimmung. In der griechischen Mythologie entwickelte sich der Gedanke des Schicksals als personifizierte Macht, die sowohl das individuelle Leben als auch den Weltlauf beherrsche. Schicksalsgottheiten »schickten« den Menschen ihr Schicksal. Eine Dreiheit von Schicksalsgöttinnen verkörperten das »Schicksal«, das »Los« oder »Verhängnis«. In der griechischen Mythologie waren es die Moiren (oder Moira), in der römischen die Parzen.

Wie heute noch viele Menschen waren die alten Griechen und andere Völker der Antike stark schicksalsgläubig und meinten, ihr Schicksal sei vorherbestimmt. Durch Orakel wollten sie im Voraus Einsicht nehmen in das, was geschehen würde, um Auskunft darüber zu erhalten, wie es um sie und ihr Schicksal bestellt war. Zugleich sollte verborgenes, geheimes Wissen erlangt werden, das den gewöhnlichen Sinnen nicht zugänglich war. Im Griechischen kannte man dafür den kulturumfassenden Begriff »Mantik« (Weissagen, Wahrsagen), wobei verschiedene Praktiken angewandt wurden: Sterndeuterei im alten Orient, Orakel in Griechenland, Los-Orakel bei den Germanen, Weissagungen von Propheten im alten Israel, Apokalypse im Neuen Testament. Alle diese Praktiken sind durchaus vergleichbar mit unserer heutigen Zeit, in der wir durch Kartenlegen, Sterndeutung (Astrologie) oder Wahrsagen aus dem Kaffeesatz dem Schicksal Vorzeichen abzuringen versuchen. Besonders zum Jahreswechsel haben Wahrsager und Sterndeuter bekanntlich Hochkonjunktur.

Das, was Orakel, Propheten oder Weissagungen verkündeten, war keineswegs immer positiv und hoffnungsvoll, im Gegenteil: Zu allen Zeiten wurden Weissagungen ausgesprochen, die Kulturen, Völkern und Epochen den Untergang androhten. Zu den bekanntesten gehören zweifellos die »Apokalypse« des Apostel Johannes und die dunkel verworrenen Prophezeiungen des im 16. Jahrhundert lebenden französischen Astrologen und Schwarzsehers Nostradamos.

© 2012 Eckehard Haase

Den gesamten Text finden Sie im Buch.

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Marlene Wieland

Menschen im Hotel

Wissen Sie eigentlich, dass das Eigentliche unsichtbar ist?

So denke ich, sonst könnte ich hier nicht schreiben, denn auch ich gehöre zum Eigentlichen, also zum Unsichtbaren. Mein Zuhause ist ein großes Hotel. Ein Hotel im Berner Oberland. Ein wunderbares Hotel mit dicken Mauern, 1896 gebaut und im Sommer 1898 eröffnet.

Ich kann sehen wie ein Mensch und hören wie ein Luchs, die Beweglichkeit und Schnelligkeit habe ich von einer Schlange. Es macht mir nichts aus, von Wand zu Wand zu gehen, im Speisesaal zu horchen oder an der Decke eines Badezimmers. Durch die Wände hindurch beobachte ich die Gäste unseres Hauses. Ich amüsiere mich, weine mit, wenn jemand traurig ist und freue mich, wenn es etwas Erfreuliches gibt.

Wände können eine Sprache haben, Räume eine Seele. Denen, die dies für möglich halten, schenke ich meine Gunst. Ich beschütze sie, ich gebe ihnen gute Ideen für den Tag, erholsamen Schlaf für die Nacht, aber, falls erforderlich, auch Ausdauer und Stärke. Es kommt keiner zu kurz.

Sie können sich vorstellen, wie ein Hotel vor dem Zweiten Weltkrieg aussah, und auch, wie das Leben aussah, dass sich darin abspielte. Wir hatten ein internationales Publikum. Greta Garbo besuchte uns jedes Jahr, sie liebte unser Bergmassiv und konnte sich an der Jungfrau nicht sattsehen. Nur diese vielen Hutschachteln, die sie hatte, und der Stab von Menschen, der mit ihr reiste, führten immer zu Problemen.

Ganz anders bei dem Schotten Robert Louis Stevenson, Autor der »Schatzinsel« und Erfinder von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Er stieg ebenfalls bei uns ab. Stevenson wanderte 220 Kilometer von Le Monastier bis St. Jean-du-Gard mit der Eselin Modestine. Diese Reise ging zwölf Tage lang durch die Cevennen. Sie können sich nicht vorstellen, wie dieser Gentleman sein erstes warmes Vollbad genoss. Es war eine Wonne, ihm zuzusehen. Außerdem war er eine Sensation im Speisesaal. Er konnte wunderbar erzählen, ohne sich in den Mittelpunkt zu stellen. Er tat es so, dass immer der Zuhörer Beachtung fand.

© 2012 Marlene Wieland

Die gesamte Geschichte finden Sie im Buch.

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Henning Reichrath

Bewerbung schreiben

Unter der Bananenschale
Vor mir
Da liegt mein Lebenslauf
Ganz dunkelbraun ist sie geworden
Und oben wächst nun Schimmel drauf
Alter Lauf
Wirst bald verwesen
Ernährst das neue Leben
Lebenslauf
Ist schön gewesen
Und die Natur
Baut neues Leben auf

Hartz 5

Zum Amoklauf fehlt Munition
Mülltonnen locken mit Flaschenpfand
Zigarettenkippen laden zum Selbstdrehen ein
Rache oder Blutwurst essen
Das Haltbarkeitsdatum läuft aus
Ich verspüre Druck im Bauch
Befreiung durch Kotzen
olch einen Hals
Den Kopf einfach mal baumeln lassen
Einladungen verschicken
Zum Probehängen
An Clement und Schröder
Und Sarrazin auch
Kurze Beine nach oben
Baumeln in der Warteschlange
Bestreift und in Augenschein genommen
Mehr gefordert
Als gefördert Träume von öl
Mit einem Drittel Benzin
Vor dem Hineinbeißen
Friedliches Grasen
Und in meiner Hand
Klebt eine Wartemarke
Und macht mich zur Nummer

© 2012 Henning Reichrath

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Petra Hartmann

Das Mädchen mit den Zöpfen

Matthissen blickte verwirrt auf, als der kleine bunte Ball genau vor seinen Füßen aufsprang.

»Entschuldigung«, quietschte das kleine Mädchen, das geworfen hatte, und griff eilig nach der Gummikugel.

»Schon gut«, brummte Matthissen freundlich. Dann stockte er und sah genauer hin.

Seltsam, dachte er. Er hatte geglaubt, hier unten im Hafen könne ihm nichts mehr begegnen, das ernsthaft imstande wäre, ihn zu beunruhigen. Aber diese Kleine. Es war nicht ihr Gesicht. Ein kleines Mädchengesicht, wie es in diesem Alter alle haben. Seine Tochter hatte genauso ausgesehen damals. Auch nicht das kurze weiße Kleidchen, das im Wind flog, als sie mit ihrem Ball davontollte. Matthissens Augen verengten sich und fixierten die hellblonden Zöpfe der Kleinen. Wie zwei Fahnen flatterten sie hinter ihr her, fest gebunden mit zwei straffen Haargummis, rechts rot, links grün und Matthissens Hände begannen zu zittern.

Jens Matthissen war beinahe sein ganzes Leben lang zur See gefahren. Damals im Krieg schon, und später dann als Fischer auf der Lachmöwe und auf der Helmine. Es hatte immer irgendwie gereicht zum Leben, große Sprünge hatte er zwar nie machen können, aber das Gefühl, wenn einem draußen auf See Wellen und Sturm ins Gesicht schlugen, das hätte er um nichts in der Welt eintauschen mögen. Daheim hielt Helmine, seine Frau, das Geld zusammen, und sie waren immer irgendwie über die Runden gekommen.

Da lief sie wieder vorbei, die Kleine mit den wehenden Zöpfen. Matthissen sah das grüne Haargummi aufblitzen, ein helles, grelles Neongrün im leuchtenden Blond, gar nicht so grün wie Wiesen oder Bäume hielt es die pralle Haarpracht des linken Zopfes zusammen, der flatterte hinter ihr her. Wie der im Wind flog. Matthissen holte tief Atem.

Vor zehn Jahren war Helmine gestorben. Und als wäre das noch nicht Unglück genug, waren ihm in den beiden darauffolgenden Jahren die Heringsschwärme ausgeblieben. Eine Pfändung folgte schließlich auf die andere, und am Ende hatten sie sogar seine Liebe zwangsversteigert, das kleine Kajütboot, auf dem Helmine und er ihren Lebensabend hatten verbringen wollen.

Mein Gott, wie flink die Kleine hin und her lief. Und das rote Haargummi auf der rechten Seite des Kopfes leuchtete weithin sichtbar. Wie biss das in den Augen. Knallrot, hellrot, wie helles Blut aus der Arterie. Es tat so weh.

© 2012 Henning Reichrath

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Sabine Kosubek

Der Sprung

»Zurück auf Position!« Der Maestro des Balletts hebt die Hände, seine kräftigen, sehnigen Finger gestikulieren flatternd durch die Luft, ja sogar sein ganzer Körper trägt die Schwingungen mit, die seinen Wortausdruck körperlich werden lässt. Und obwohl sein Körper genau erzählt, was er ausdrücken will, exerziert seine Seele noch einen gewaltigeren Tanz als das Bildliche den Blickenden vermuten lässt. Ganz kurz kneift er prüfend seine eisblauen Augen zusammen, bevor die Kraft in ihm erneute Höhen erklimmt. Sie ist nicht für ihn, er hat eigene Reserven. Ohne überflüssige Schritte flammt seine Leidenschaft auf, konzentriert sich auf das, was er ans Bühnenlicht bringen will.

Hoch fliegt die Primaballerina mit graziös ausgestreckten Armen, getragen von der Kraft ihres Partners und der Anfeuerung ihres Maestro. Sanft liegt ihr Kopf im Nacken, der Dutt ihrer aschblonden Haare verrückt nicht einen schwebenden Millimeter. Flüsternd wiegen sich winzige, permuttene Perlen an ihren schmalen Ohrläppchen und erzählen ihr von der Freiheit der Leichtigkeit. Stolz gleiten die Augen des Maestro über ihre zierliche Gestalt, er weiß, es ist nur ein kurzer Herzschlag lang Platz für die schwebende Perfektion, bevor sie erneut auf dem Boden der Tatsachen und der westlichen Bühne landet.

Jedes Publikum eines jeden Theaters ist hart, voll von Gönnern und Kritikern gleichermaßen. Alle wollen ein Stück ihrer Perfektion. Das Theater ist leer, es ist nur eine Probe. Und es ist nur ein kleines Theater, knapp dreihundert Plätze exklusive Logen. Der VIP-Bereich ist uninteressant. Vergangen die Rosen, das Ja und der Ring. Sie war dort nie wieder, denn sie verlor ihre Wünsche an diesem grauen, elegantem Tisch, mit einem harmlosen, nichts ahnenden Lächeln. Allein die Bühne ist für sie von existenzieller Bedeutung. Es ist ihrer beider Platz, die Sonne vom Maestro und der gekürten Primaballerina, es ist ihr ureigener Kosmos, und dort atmen nur sie und er. Das Ensemble macht alles komplett, ihre Universen sind genauso abgetrennt wie die von ihm und ihr.

Abermals erschallt seine Stimme, und die Ballerina trippelt, dreht und wendet sich, die Bühne schwindet und das Licht wird zur heißen Glut des strahlenden Herzens, welches beide in ihrer Leidenschaft trägt. Sie dreht sich, dreht sich immer schneller, die makellosen Arme graziös und elegant erhoben, springt und versinkt formvollendet in einem perfekten Spagat.

Doch ihr rechter Fuß endet in der Wirklichkeit, während der andere mit Seidenbändern gefesselte Fuß noch im Traum der Leichtigkeit verweilt. Die Primaballerina reißt die Augen auf, die schneidende Frage des Maestro wird überhört, unter ihrem Fuß liegt ein harter, breiter Ring. Schon beginnen sich die seidenen Flächen ihres Schuhs zu verfärben, rot, dunkel und unheilvoll. Doch der Schuh ist noch ganz. Anders als damals, als sie von der Probe heim kam. All ihre Spiegel waren zerbrochen. Tausende von Scherben mischten sich mit den Fetzen von Kostümen und zerschnittenen Bändern.

Ihr Herz blieb stehen, ihr Körper gefror, ihre Seele verschwand.

Sie schließt die schönen Augen, ihre Muskeln spannen sich an, der Körper verkrampft. Doch ihre Körperbeherrschung ist perfekt, ihre langen, kraftvollen Beine ziehen sich zusammen und ihr Partner zieht sie hoch, hinein in die nächste Drehung. Matt glänzend liegt der breite Rind auf der Bühne des Theaters. Die Fläche um den Ring schimmert, als wäre er nass. Rutschig von Tausenden von Tränen. Nichts vermochte den schwarzen Felsen auszulösen.

Mit schmalen Lippen sieht die Ballerina nach oben, auf der Empore über ihr steht ihr Ehemann. Er sagt kein Wort, verzieht keine Miene, hat nur eine Hand am Geländer und bleibt außer von ihr unbemerkt. Zwei, drei Herzschläge blickt sie stumm nach oben, ihr Körperspiel ist erstarrt und ihr Partner wartet auf die nächste Reaktion, denn er will sie nicht stürzen lassen. Wie könnte er auch, die Magie wirkt nur im perfekten Zusammenspiel. Sie blinzelt, lächelt und wiegt sich in die nächste Drehung. Sekunden später ist die dunkle Empore leer, als würde nur der Staub und der Techniker dort oben agieren. Mit einem lästerlichen Fluch lässt ihr Partner sie helfend in seine Arme fallen, als er den blutdurchtränkten Schuh bemerkt. Mit einem schrillen Quietschen endet die Musik, sofort eilt der Maestro zu ihr, um sie aufzufangen, als sie scheinbar fällt. Trotz der Schmerzen, die sie in die wirkliche Welt zurück holen, lächelt sie, denn ihre Seele und ihr Empfinden sind weit offen und lassen jeden Rest ihrer Zweifel frei und verpuffen zu Nichts. Ihr Herz ist unbefangen und schlägt voller neuem Leben. Alle Scherben sind neu zusammen geschmolzen und begraben die Dunkelheit. Das Licht und der Tanz heilen ihr geschlagenes Herz.

Später als der blutende Riss in ihrem Fußballen behandelt ist, wird ihr der Ring gebracht. Schwer liegt er in ihrer Handfläche, als wären unsichtbare Ketten an ihm befestigt. Dort gehört sie nicht hin, dort kann sie nicht existieren, dort ist kein Schweben möglich. Sie ist nur glücklich, wenn sie schwebt; sie ist tödlich verwundet, wenn sie gefangen wird und ihre Flügel gefesselt werden.

© 2012 Sabine Kosubek

Mehr finden Sie im Buch.

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